Persönlichkeit aus Sicht der Buddhistischen Psychologie

Was ist Persönlichkeit? Ist das eine Abteilung im Gehirn, die uns auf bestimmte Art und Weise die Welt erfahren lässt, uns reagieren und fühlen lässt? Haben wir eine Wahl oder können wir uns unsere Persönlichkeit selbst aussuchen? Was sagt die buddhistische Psychotherapie dazu?

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Unsere inneren Stimmen

Wer kennt sie nicht, die eigenen inneren Stimmen mit ihren oftmals unvereinbaren Anforderungen, ihren Bewertungen und Impulsen? In unserem Kopf gibt es eine Stimme die ständig alles kommentiert und bewertet. Aber wessen Stimme ist das eigentlich?

Eine Szene aus dem Alltag mit innerem Dialog.

Ich lautes Klirren und die Kaffeetasse zerspringt auf dem Küchenfußboden. „Wie ungeschickt! Wie konnte mir das jetzt schon wieder passieren! Ich Idiot! Das ist ja wieder ganz typisch!“ Der Kaffee läuft die Fliesen entlang und kriecht unter die Küchenzeile. Ich seufze: „Ach man, warum muss sowas immer mir passieren? Das war meine Lieblingstasse. Kein Mensch auf der Welt zieht das Pech so magisch an wie ich.“

Eine solche Situation kommt Ihnen sicher bekannt vor. Wer spricht denn da im Kopf? Wer beschimpft mich, weil die Tasse runterfiel? Für wen ist das wieder typisch? Wer seufzt und ist traurig über die Tasse? Wer bemitleidet sich? Und wer oder was ist dieses „Ich“, das auf die Situation reagiert?

 

Persönlichkeitsanteile in der Buddhistischen Psychotherapie

Sowohl die buddhistische Psychotherapie als auch die moderne westliche Psychologie gehen davon aus, dass das Ich, so wie wir es erleben, keinen festen, wesenhaften Kern besitzt, sondern aus mehreren Anteilen besteht. Auch die moderne Neurowissenschaft hat nach Jahren der Forschung der Welt eröffnet, dass sie keinen Bereich in unserem Gehirn finden konnte, der dafür zuständig ist, ein Ich-Gefühl zu erzeugen. Bereits vor 2500 Jahren sah das Buddha ganz genauso.

Die Buddhistische Psychotherapie geht davon aus, dass es unendlich viele Persönlichkeitsanteile in uns gibt, die alle zusammen unsere Persönlichkeit ausmachen. Wie ein Orchester sozusagen, in dem viele verschiedene Instrumente spielen, die dann aber doch ein Musikstück kreieren. Dort gibt ganz allgemeine Anteile wie den Inneren Familienmenschen, den Sportler, den Kreativen, den Optimisten und den Pessimisten. Aber auch speziellere wie den Inneren Trauerkloß, den Depressiven, den Kritiker, den Selbsthasser, den Verhandlungskünstler, den Rechthaber oder den Gelassenen.

Jeder Mensch hat die Veranlagung zu unendlich vielen Persönlichkeitsanteilen. Die Anteile, welche von der Umwelt und uns selbst gefördert werden, bilden sich aus und treten in den Vordergrund. Die anderen bleiben im Hintergrund, bis sie von uns aktiviert werden. Wen also eine Stimme in meinem Kopf „Du Idiot!“ zu mir sagt, dann ist das sicher mein Innerer Kritiker. Wenn die Stimme sagt „Das ist gar nicht schlimm.“ dann spricht vielleicht der Innere Verständnisvolle. „Wenn das rauskommt, gibt es Ärger“, sagt der Innere Angsthase und so weiter und so fort.

In der Buddhistischen Psychotherapie gehen wir davon aus, dass jeder Anteil sich wie eine eigene Person in uns verhält und ganz spezifische Merkmale zeigt. Die Körperhaltung, die Gefühlswelt, die Stimme, das Verhalten und die Weltsicht. Der Anteil filtert im Moment seiner Aktion die Wirklichkeit wie durch seine spezielle Brille und wir erleben dann die Realität auf eine für diesen Anteil spezifische Art und Weise.

 

Welcher Persönlichkeitsanteil darf es heute sein?

Die Anteile unser Persönlichkeit sind an und für sich kein Problem. Der Buddhismus sieht das Problem in unserer Identifikation mit unseren Anteilen. Das kann dazu führen, dass wir schmerzhafte Situationen im Leben erleben. Wenn wir uns nicht mehr als Person mit vielen Facetten sehen sondern uns mit dem Inneren Depressiven oder dem Inneren Aggressiven identifizieren, führt das unweigerlich zu Schwierigkeiten. Denn jede Person ist so viel mehr als die Summe Ihrer Persönlichkeitsanteile. Sie sind nicht der Depressive oder das Opfer oder der Erfolglose.

Jeder Mensch kann sich entscheiden, welche Persönlichkeitsanteile er fördern möchte. Das erfordert Übung, Aufmerksamkeit und Disziplin, ist aber möglich und wird mithilfe der Buddhistischen Psychologie gezielt trainiert. Nicht umsonst wird der Buddhismus ja auch als Geistesschulung bezeichnet, denn wir können unseren Geist erziehen. Wir können uns von unheilsamen Anteilen befreien und Anteile fördern, die uns heilsam und hilfreich erscheinen. Das wichtigste Tool, um dies zu erreichen ist eine regelmäßige Meditationspraxis.

Wenn Sie das nächste Mal also eine Kaffeetasse fallen lassen, dann beobachten Sie einmal was passiert und wer sich zu Wort meldet. Ist es er Innere Besserwisser oder der Innere Gelassene? Entscheiden Sie ganz bewusst selbst, wen Sie aktivieren möchten. Den Gelassenen? Den Verzeihenden? Wer verhilft Ihnen langfristig zu einem besseren Leben? Schlussendlich ist es Ihre Entscheidung und Ihre Chance zur Veränderung. Denn alle Persönlichkeitsanteile sind ein Teil von Ihnen und dementsprechend haben Sie das letzte Wort, welcher Anteil gefördert wird und welcher nicht.

Hier erfahren Sie mehr über die Buddhistische Psychotherapie und wie diese Ihnen möglicherweise neue Einblicke in sich selbst verschaffen kann.

 

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