In einem früheren Artikel haben wir das Konzept von „Leere“ im  Rahmen der buddhistischen Psychologie erklärt. Abschließend stellten wir fest, dass Leere nicht nur das Missverständnis, das wir über alle äußeren Phänomene des Lebens haben beschreibt, sondern auch das Missverständnis über unser eigenes Selbst.

Leere: Von der Blume zum Selbst

Aus der Sicht Buddhas ist unser Ich oder Selbst eine Illusion. Es gibt unser Ich nicht. Für die westliche Welt klingt das nach Wahnsinn, aber es lohnt sich weiterzulesen, um die buddhistische Lehre vom Nicht-Ich zu verstehen und ihre Anwendung in der Psychologie zu nachvollziehen zu können.

Wenn Sie den vorherigen Artikel über die Leere im Buddhismus gelesen haben, dann erinnern Sie sich wahrscheinlich an das Blumen Beispiel. Die grundlegenden Fragen, die wir stellten, waren:

  • Existiert die Blume wirklich so, wie wir sie wahrnehmen?
  • Welche Eigenschaften gehören wirklich inhärent zu der Blume (die Blume ohne den Beobachter)?
  • Was entsteht im Kopf des Betrachters und wird auf die Blume projiziert?

Sie erinnern sich hoffentlich daran, dass die Blume nur ein einfaches Beispiel war, um den Begriff der Leere und deren Anwendung auf alle anderen Phänomene zu erklären.

Aber wir betrachteten hauptsächlich äußere Phänomene wie Objekte oder Ereignisse. In Wirklichkeit führt uns das Konzept der Leere noch viel weiter in die buddhistische Philosophie hinein.

Das Nicht-Ich: Sie existieren nicht so wie Sie denken!

Das Prinzip ist genau das gleiche wie bei der Blume. So wie ich ein äußeres Objekt wahrnehmen kann, so tue ich dies auch mit mir selbst und / oder habe zumindest ein Gefühl oder eine Vorstellung von meiner eigenen Existenz. Das ist es, was wir in der buddhistischen Psychologie die Erfahrung des Selbst oder des Egos nennen. Es gelten also die gleichen Fragen:

  • Existiert mein eigenes Selbst wirklich so, wie ich es wahrnehme?
  • Was ist wirklich meinem Selbst inhärent (mein Ego ohne die eigene Wahrnehmung dessen)?
  • Was produziert mein Verstand als Beobachter und projiziert es auf mein eigenes Ego?

Aus buddhistischer Sicht sind die Blume, die wir dort drüben wahrnehmen, und das Selbst, das wir hier in unserem Inneren wahrnehmen, derselben Realität von Leere unterworfen. Beide lösen sich nach einer tieferen Betrachtung schnell auf. Buddha sagt nicht, dass die Blume genau wie das Ego überhaupt nicht existiert; er sagt stattdessen, dass sie nicht so existiert wie wir sie wahrnehmen. Die echte Blume und das echte Selbst sind im Grunde genommen leer von allen Attributen, die wir an ihnen zuschreiben und beide sind vergänglich, ständig in Veränderung und daher sehr schwer zu greif- und definierbar.

Buddhistische Psychologie: Wer sind Sie wirklich?

Es gibt einen einfachen Weg zu erkennen, dass Ihr Ego wirklich nicht von sich aus existiert. Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie begegnen einem Fremden und stellen sich ihm vor. Sie könnten sagen, dass Ihr Name Peter oder Alexander ist, dass Sie als Ingenieur oder Landwirt arbeiten, Sie eine Familie haben oder Sie in diesem oder jenem Teil der Welt leben. Und dann, was noch? Sie können weiter sagen, wie groß Sie sind, wie viel Sie wiegen, was Ihre Hobbies sind … Sie könnten eine ganze Biographie über sich selbst schreiben. Haben Sie am Ende die Frage „Wer sind Sie?“ wirklich beantwortet? Sind Sie wirklich Ihr Name, Ihr Beruf oder Ihre geografische Lage? Sind Sie die Summe all dieser Attribute zusammen? Offensichtlich nicht.

Wenn Sie mit dieser Übung fortfahren, werden Sie vielleicht feststellen, dass es fast unmöglich ist, Ihr eigenes Selbst durch unbeständige Merkmale Ihres Außenlebens zu definieren, sei es Ihr Beruf, Ihr Haus oder Ihre Familie.

Nun könnten Sie denken, dass die Lösung für diese Zwickmühle darin besteht sich Ihren inneren Gefühlen zuzuwenden. Wenn wir Sie also bitten zu sagen, wer Sie sind, könnten Sie auf die Frage antworten, indem Sie Ihre Gefühle beschreiben? Stellen Sie sich vor, Sie sagen „Ich bin wütend“ oder „Ich bin glücklich“ oder sogar „Ich bin Wut“ oder „Ich bin Glück“? Es ist unmöglich, dass Gefühle uns definieren können, denn wie Sie sicher wissen, ändern sich all unsere Emotionen ständig. Ein wütender Mensch kann auch zu einem lachenden Menschen werden. Ein glücklicher Mensch kann zu einem traurigen Menschen werden.

Ich bin nicht traurig; es gibt Traurigkeit!

Wenn Sie Ihre Gefühle näher beleuchten und hinterfragen, werden Sie feststellen, dass sie nicht wirklich zu Ihnen gehören. Sie kommen und gehen ständig. Keine Emotion bleibt dauerhaft bestehen. Die stärkste Konsequenz der Lehre vom Nicht-Ich in der buddhistischen Psychologie ist es, erkennen zu können, dass man nie traurig, glücklich oder wütend ist; vielmehr könnte man sagen, dass es Traurigkeit, Glück oder Wut gibt. Die Auswirkungen auf das psychologische Erleben von Emotionen sind immens. Probieren Sie dazu Folgendes:

Übung:

Fühlen Sie in eine mittelstarke Emotion ein, die Sie in der Vergangenheit erlebt haben. Das kann eine positive oder negative Emotion sein. Versuchen Sie das Gefühl wieder wachzurufen, so dass Sie es in sich spüren. Fragen Sie sich nun: „Bin ich meine Emotion?“ Beobachten Sie aufmerksam, wie sich die wachgerufene Emotion verhält. Verändert sich etwas? Wandert sie zum Beispiel durch den Körper oder verändert sich die Qualität der Emotion? Glauben Sie, Sie werden diese Emotion in 1 Minuten noch genauso fühlen? Versuchen Sie sich von der Emotion zu distanzieren und sie als bloßes temporäres Phänomen zu betrachten, das nicht wirklich zu Ihnen gehört und Sie nicht zu sehr betreffen solle.

Diese Übung ist nach einigen Wiederholungen deutlich einfacher und natürlich hilft es, unsere Fähigkeit, den eigenen Geist und das Auf- und Ableben von Gedanken und Gefühlen zu beobachten, sehr dabei eine solche Sicht zu entwickeln. Um diese Fähigkeiten zu entwickeln, ist es notwendig sich regelmäßig in Achtsamkeit und Meditation zu üben.

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In Zusammenarbeit mit:

Nadim Mekki Philosopher, Writer, Thinker

Nadim Mekki, Philosoph, Stratege und Schriftsteller. Bereits zwei Publikationen zum Thema Philosophie bei Les éditions du Net. Nadim Mekki spricht sechs Sprachen und reiste zwei Jahre durch Asien, wo er den Buddhismus und andere alt-indische Traditionen studierte. Auf seinem Blog schreibt er über Philosophie, Politik und das Leben: www.nadim-m.com

Gemeinsam haben wir die Buchreihe Buddha to go geschrieben.

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Mein Name ist Carolin Müller, ich bin Diplom-Psychologin, Buddhistische Therapeutin und Onlinepsychologin. Mit meinen Klienten spreche ich via VideoAnruf über Depressionen, Sorgen, Ängste und Selbstwertzweifel.

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